Alexander Torin


Die wahre Geschichte
der Extrasensologie in Russland


Copyright © 1997 Alexander Taratorin.
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Übersetzung: András Vasáros, vielen Dank an die Korrektur-Leser(inen) Evelyn "essay verifying engine" Fürlinger und Franz "fra" Ablinger aus dem Hause www.monochrom.at.

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"Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden,
als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio."
Hamlet, Prinz von Dänemark.1


Da rund um meine kürzlich veröffentlichte Erzählung "Extrasens" viele Gerüchte und Vermutungen entstanden sind, habe ich mich entschieden, den Computer einzuschalten (sozusagen, zur elektronischen Feder zu greifen) und die wahre Geschichte niederzuschreiben, die der Erzählung zugrunde liegt. Sie erscheint dem Leser beinahe als Posse, die im Sinne von "Schicksalhaften Eiern" oder "Hundeherz" das Moskau der 80-er Jahre beschreibt. Leider hat sich die in der Erzählung geschilderte geniale Fantasie des Michail Bulgakow im realen Leben zu Zeiten der allgemeinen Krise des Sozialismus verwirklicht. Aber vieles in der Erzählung basiert auf tatsächlichen Ereignissen.

Mir scheint es einfacher, aufzuzählen, was in meiner Erzählung erfunden war: die Körperverjüngung unter Parabolantennen von Radargeräten; demzufolge auch die Bestrahlungssitzungen für ranghohe Mitglieder des Politbüros. Erfunden war auch das Erscheinen des berühmten Flecks auf Michail Gorbatschows Kopf als Ergebnis solcher Sitzungen - er existierte längst vor den im Buch beschriebenen Zeiten. Zumindest habe ich irgendwo ein Foto des zukünftigen Generalsekretärs aus Anfang der Siebziger, und der dunkle Fleck auf seiner Stirn war schon damals vorhanden. Aber das wäre auch schon alles. Meine Fantasie ist etwas beschränkt und sie verblasst vor der Realität des öffentlichen Marasmus2, die dem Zerfall der UdSSR voranging.

Aber jetzt der Reihe nach. Schon seit der "Erwärmung", so ab Mitte der 60-er Jahre, existierte in Moskau ein seltsames Laboratorium, welches sich - niemand wusste genaueres - mit der Erforschung der Extrasensologie und dem Training von paranormalen Medien beschäftigte. Es wurde unter der Obhut des A. S. Popow Instituts (das russische Pendent zum amerikanischen Institut für das Elektro- und Elektronikingenieurwesen - kurz IEEE3) gegründet. Über dieses Laboratorium weiss ich auch recht wenig, ernsthafte Forschungen wurden dort fast nicht betrieben; die Forscher beschäftigten sich mit Telepathie, mit ärztlicher Fernbehandlung per Telefon und sie führten eine nicht näher beschriebene Ausbildung von Medien durch. Vor Jahren geriet eine wissenschaftliche Abhandlung zum genannten Thema in meine Hände. Sie war von I. B. Kogan, dem bekannten Spezialisten der Methodologie der Informationsübertragung, verfasst. In diesem Manuskript versuchte Kogan die Theorie der Gedankenfernübertragung zu erörtern. An die Einzelheiten dieser Theorie kann ich mich nicht mehr erinnern, aber das Gefühl, sie sei unter jeglicher Kritik, ist geblieben. Mit einem Wort, dieses Laboratorium wurde von niemanden ernst genommen, die Enthusiasten der Telepathie und des Okkultismus existierten in friedlicher Nachbarschaft zur offiziellen Wissenschaft, aber kein ernsthaftes wissenschaftliches Journal war bereit, die Ergebnisse ihrer Forschungen zu publizieren.


Anfang der 80-er Jahre hat sich die Situation verändert...

Wäre ich Historiker, würde ich darüber nachdenken, wie in einer Gesellschaft ein derart ungesundes Interesse an okkulten Erscheinungen entstehen kann und warum diese gewöhnlich den grossen sozialen Erschütterungen vorangeht. Die Geschichte kennt mehrere solche Beispiele: Am Anfang des Jahrhunderts waren beispielsweise spirituelle Sitzungen allgemein anerkannt, in denen die Geister der Verstorbenen aus dem Jenseits zu Gesprächen gerufen wurden. Auch in der Geschichte Russlands haben Okkultismus und Mystizismus eine tragische Rolle gespielt: niemand kann erahnen, wie die Geschichte verlaufen wäre, wäre ein gewisser Grigorij Rasputin seinerzeit nicht Vertrauter der Zarenfamilie geworden. Die wenigen überlieferten Gerüchte erzählen von Propheten und Wundertätern in allen Zentren der Macht, sei es am Hof von Breschnew, Mao Tse-Tung oder Kim Ir Sen4. In Russland wurde Dzhuna eine solche Magierin, später - am Ende des Zerfalls der Sowjetunion - Tschumak und Kaschpirowskij, deren Sitzungen sogar im Fernsehen übertragen wurden. Die Krönung der mystischen Stimmung in der Sowietunion waren die von Chumak "aufgeladenen" Ausgaben der Zeitschrift "Vechernaja Moskva"; die Auflage war binnen kürzester Zeit an den Kiosken von "Sojuzpechat" ausverkauft.

Dzhuna Davitashvili
So verhielt es sich auch Anfang der achtziger Jahre, als das "Ende der stabilen Stagnation" zu Tage trat. Nun begannen sich gärende Blasen des Übernatürlichen im Teig der Gesellschaft zu bilden. Hier und dort tauchten Wunderheiler auf, die mit blosser Handauflegung tödliche Krankheiten heilten und Leute vom Tode auferstehen liessen. Und wie immer hatten bestimmte historische Umstände mitgeholfen: der Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU, Genosse Breschnew, konnte sich nur mehr mit grosser Mühe bewegen und sich mit noch grösserer Mühe artikulieren. Im ähnlich kläglichen Zustand befanden sich viele Mitglieder des Politbüros. Die Polit-Opas, die Stalins Diktatur überlebt und viele Erschiessungen erlebt hatten, befanden sich beinahe am Endpunkt des körperlichen Verschleisses... In diesem sehr günstigen Moment erscheint Dzhuna Davitashvili auf dem Horizont. (siehe Foto)

Hier möchte ich etwas festhalten: Ich will keineswegs behaupten, Dzhuna und die andere Wunderheiler hätten keine Wirkung auf ihre Patienten gehabt. Aber viele grosse Wissenschaftler reagierten allein auf die Erwähnung von übernatürlichen Medien mit solcher Abneigung, dass sie nicht einmal die Möglichkeit einer Wirkung auf den menschlichen Körper zu diskutieren bereit gewesen wären. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass eine Menge von sogenannten übernatürlichen Phänomenen existieren, die mit „normaler“ Physik und Physiologie erklärbar und beschreibbar sind und heilende Wirkung haben könnten. Ich habe selbst Einiges gesehen, wofür ich noch keine Erklärung habe. Darüber aber später.

Am Anfang ihrer Kariere arbeitete Dzhuna als Krankenschwester in Georgien, dann "entdeckte" sie ihre Fähigkeit, mit Handauflegung heilen zu können, heilte einen Patienten nach dem anderen und von da an ging es mit ihrer Karriere steil nach oben. Irgendjemand aus der georgischen Staatsführung hat sie dem damaligen Vorsitzenden des Gosplans5 der UdSSR, Genossen Bajbakow, empfohlen (an seinen vollständigen Namen erinnere ich nicht mehr, ich glaube, er hiess Nikolaj Konstantinowitsch).

An dieser Stelle noch eine Bemerkung: Dzhunas Erscheinungsbild kann man nur als exotisch beschreiben: glühende Augen, schwarze Haare und lange, dünne Finger. Ihr Aussehen allein reichte womöglich schon, um einen kranken Körper aufzurütteln. Kurz gesagt, beim Genossen Gosplan-Vorsitzenden, sowie bei seiner Gemahlin und seinem Gefolge zeigte sich eine wesentliche Besserung der Krankheitsbilder. Als Mitglied des Politbüros und - zu seiner Zeit - sehr einflussreichem Mann, stellte er Dzhuna Breschnew vor. Das geschah Ende 1981.

Was damals wirklich geschah, weiss ich nicht. Leonid Iljitsch ging es bereits ziemlich schlecht, was an seinen Fernsehensauftritten sehr leicht zu merken war. Ich glaube nicht, dass Dzhuna ihn gegen irgendeine spezielle Krankheit behandelt hatte, wahrscheinlicher ist, dass sie eine Art allgemeiner Physiotherapie an ihm durchführte. Eins ist sicher: Breschnew war höchst zufrieden und scheinbar hatte er sich auch physisch erholt ...

Genau zu diesem Zeitpunkt kam der schicksalsschwere Anruf aus dem Zentralkomitee. Besser gesagt, der Anruf war nur der Startschuss für alle Ereignisse, erst später hat die legendäre Sitzung des Zentralkomitees stattgefunden. Ich nehme daher die Existenz des Anrufs als erwiesen an. Das Telefon klingelte im Kabinett des Vize-Präsidenten der Akademie von Wissenschaften der UdSSR, Doktor Vladimir Alexandrowitsch Kotelnikow. Dem in der russischen Wissenschaft kundigen Leser ist der Name nicht unbekannt: Kotelnikow ist das russische Gegenstück zu Claude Shannon, dem Vater der Informations-Theorie. In russischen Schulbüchern heisst das bekannte Theorem für die Elongation von Schwingungen noch heute Kotelnikow-Theorem (in der westlichen Hemisphäre wird es Samplingtheorem6 von Nyquist genannt). Vladimir Alexandrowitsch war zur diese Zeit Direktor des Institutes für Radiotechnik und Elektronik (IRE) der Akademie von Wissenschaften der UdSSR, eine der Säulen der Forschung in der Sowjetunion. Es hatte zwei Standorte, eines in Moskau und eines in Frjazino. Der "Moskauer Teil" residierte seinerzeit unter der Adresse Prospekt Marksa 18, befand sich direkt hinter dem "National"7 , im Hof der ehemaligen Technischen Fakultät, genauer gesagt, der physikalischen Institut der Moskauer Universität; dort im dritten Stock gab es auch eine kleine Gedenktafel, die auf die Entdeckung des Stahlungsdrucks von Licht durch Piotr Nikolajewitsch Lebedev hinwies. In der Kleinstadt Frjazino arbeiteten über tausend Wissenschaftler. Diese Abteilung beschäftigte sich mit Elektronik, Halbleiter-Physik, Funkortung, stellarer Radioastronomie, interplanetarer Radiokartographie und anderer der sowjetischen Gesellschaft dienlichen, aber auch mit sogenannter „nutzloser“ Forschung.

Kotelnikow ordnete die Untersuchung des Falls „Dzhuna“ und weiterer übernatürlicher Medien an. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, warum das nicht durch den damaligen Gesundheitsminister Chasow, einem Mitglied der Medizinischen Akademie, geschah.

An dieser Stelle möchte ich einen zweiten Handlungsfaden aufnehmen, der in St. Petersburg -Leningrad begann. Dort lebte eine interessante Frau, Nelli Sergejewna Kulagina. Sie konnte Gegenstände bewegen, ohne sie zu berühren. Nach den Sitzungen war sie immer sehr müde, ihr Gesicht rot, ihr Blutdruck stark erhöht. In den Laboratorien wurde sie bei ihren Aktionen gefilmt, vergeblich mühten sich die Wissenschaftler, hinter das Geheimnis zu kommen.

Im IRE8 arbeitete Akademiemitglied Jurij Borisowich Kobzarew, der Begründer der sowjetischen Funkmessortung. Er war vielfach ausgezeichnet, mit dem Lenin Preis, Held der sozialistischen Arbeit und viele andere mehr. Der damals 70-jährige wird als sehr liebenswert und intelligent beschrieben, als ein Vertreter der "alter Schule". Er hatte von Bekannten über Kulagina gehört, sein Interesse für den Fall war sofort geweckt. Er entschied sich dafür, einige Experimente mit ihr durchzuführen, brachte einen Oszillograph mit Elektroden nach Leningrad mit, und siehe da - das Gerät zeigte ein starkes elektrisches Feld rund um Kulaginas Hände. Das bedurfte der näheren Untersuchung - Physiker sind ja mit Daten leicht zu begeistern. Der stellvertretender Direktor des IRAs war in jene Zeit Jurij Vasiljewich Guljaew, seinerzeit ausserordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR9 . Guljaew war ein Absolvent des Fistech10 und wurde zu seiner Zeit eines der jüngsten ausserordentlichen Mitglieder der Akademie, er hatte bereits den Preis der Europäischen Gesellschaft für Physik bekommen und gründete später ein neues Wissenschaftsgebiet, die Akustoelektronik. Wesentliche Teile von Fernsehgeräten basieren auf seinen Entdeckungen aus den späteren Sechzigern, die er in Cambridge verbracht hatte. Als Jurij Vasiljewich von den physikalischen Wundern hörte, zog er die Augenbrauen hoch und machte sich mit Kobzarew auf, den Zauber zu entlarven. Der Versuch misslang, die gemessenen Werte verschlugen ihm die Sprache. Kulaginas Hände zerstreuten Laserstrahlen. Rund um ihre Hände existierte ein starkes elektrisches Feld. Sie konnte tatsächlich kleinere Gegenstände bewegen, wie Zuckerwürfel oder Streichholzschachteln. Ein neben der Frau aufgestelltes, hochempfindliches Mikrophon registrierte kurze Ultraschallimpulse, die Eingangskaskade des Verstärkers brannte während der Experimente ab... Zum Beweis ihrer Kraft fügte Kulagina dem äusserst skeptisch gesinnten Guljaew Verbrennungen an der Hand zu. Bis dahin hatte er beteuert, das das ganze Geschwätz über Brandwunden ein Resultat von Hypnose sei, das auf ihn keine Wirkung hätte...

Obwohl Kulagina niemandem heilte, die Gerüchteküche über die Leningrader Experimente brodelte bereits, einige Meldungen waren bereits weit gereist und sickerten bis nach Moskau durch. Man sprach dort davon, dass "die Wissenschaftler im IRE schon begonnen hätten, sich mit Extrasensologie zu beschäftigen".

Letztendlich wurden Kotelnikow Devisenmittel und Personalstellen für die Neuschaffung eines Labors zugeteilt. Es sollte Dzhuna untersuchen, die Natur ihrer heilsamen Wirkung auf den menschlichen Körper erforschen (natürlich bevorzugt auf Körper mit besonderer staatlicher Bedeutung) und den Bericht dem bevorstehenden Kongress der KPdSU zukommen lassen. Nein, es ist kein Scherz, so hieß es wörtlich in dem vom Politbüro verfassten Auftrag. Zum Leiter des neuen wissenschaftlichen Programms wurde Guljaew ernannt.

Wenn sich jemand noch an diese Zeiten erinnern sollte, wird er mir beipflichten, dass Fremdwährungsmittel damals eine grosse Seltenheit in der Akademie waren. Nur neue Planstellen waren eine noch grössere Seltenheit. Ich erinnere mich nicht genau, wie viel Geld es war, es sollte aber ungefähr eine halbe Million Dollar gewesen sein. In Landesmassstäben Peanuts natürlich, aber im konkreten lokal-historischen Massstab äusserst angenehm...

Kehren wir für einen Augenblick in das reale Leben zurück. Der Anruf aus dem Zentralkomitee hatte bereits stattgefunden. Der Institut hatte die Anweisung bekommen, dem Kongress der KPdSU zu berichten. Die Mittel und das Personal waren zugeteilt. Der Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften (und Direktor des IRE) Kotelnikow war ein vielbeschäftigter und ziemlich überlasteter Mensch. Guljaew hingegen war mit seiner Management-Aufgabe überfordert, er leitete gleichzeitig mehrere Programme: Halbleiter, akustische Elektronik, ultradünne Folien. Zusätzlich hielt er Vorlesungen im Fistech. Die Aufgabe erforderte daher eine neue Person; einen engagierten Kopf, der dieser merkwürdigen Aufgabe gewachsen wäre. Er fand sich im Raum Nr. 14 des IRE, in der Gestalt von Eduard Emmanuilowitsch Godik, Doktor der Physik und der mathematischen Wissenschaften, ein alter Freund von Guljaew. Godik und seine Kollegen beschäftigten sich seit 20 Jahren pausenlos und rund um die Uhr in mehreren Arbeitsschichten mit Halbleiterphysik; jeden Tag entdeckten sie neue Effekte im Verhalten von Elektronen und "Löchern". Dieses Team hat weltweit die ersten Infrarotdetektoren auf Halbleiterbasis erfunden, diese wurden seinerzeit sofort unter Geheimhaltung gestellt und in den Sputniks montiert. Eduard Emmanuilowitsch, kurz Edik, war einfacher wissenschaftlicher Mitarbeiter in diesem Team, nicht einmal ein wissenschaftlicher Leiter. Guljaew offerierte ihm die Leitung des Laboratoriums zur Erforschung der Extrasensologie. Godik wehrte sich anfangs, er hing sehr an seiner Halbleiterforschung, aber allmählich freundete er sich mit der Idee an und beschloss, die Situation auszunutzen, streng nach dem wissenschaftlichen Stehsatz "die eigene Neugier auf Staatskosten befriedigen". Wir schreiben Ende 1981 - Anfang 1982.

Das vorbereitete Forschungsprogramm hatte zum Ziel, alle beobachteten Effekte, falls sie überhaupt stattfinden sollten (und Guljaew war fest davon überzeugt, er erinnerte sich nur zu gut an die Brandwunden und an den abgebrannten Verstärker) aufzuzeichnen und zu versuchen, sie auf die geltenden physikalischen Gesetze zurückzuführen. Die Erklärung der Telekinese könnte nur in natürlich existierenden physikalisch messbaren Feldern (elektromagnetische, akustische und chemische) gefunden werden, so die Annahme. Deshalb - so die logische Folgerung - müsse die Forschung mit der Erstellung von Messgeräten beginnen, welche die körpereigenen Felder und Strahlungen in allen Bändern (im visuellen-, infraroten-, Mikrowellen-Bereich, statische Elektropotentiale, magnetische Felder, akustische Ausstrahlungen usw.) registrieren können.

Godik scharte einige der besten Absolventen des Fistech um sich. Sie gingen mit Enthusiasmus an die Aufgabe, nutzten die Möglichkeiten und ihre Kontakte zu anderen Wissenschaftlern, um das Rätsel zu lösen. Mit dem zur Verfügung gestellten Geld wurden Computer und andere Gerätschaften gekauft. Der Arbeitseifer der Mannschaft kannte keine Grenzen. Etwa zu diesem Zeitpunkt bin ich im Laboratorium gelandet; in den ersten Wochen seiner Existenz. Mein Mitwirken ist eigentlich nur einem glücklichen Zufall zu verdanken. Ich bin zu Godik gekommen, um meine Diplomarbeit zu schreiben, wurde Praktikant und beschäftigte mich mit der Analyse und Bearbeitung der Ergebnisse der Experimente. Meine Karriere im IRE endete 1990, nachdem ich meine Doktor-Dissertation verteidigt hatte und als wissenschaftlicher Leiter eine Forschungsgruppe führte.

Damals bestand das Laboratorium aus zwei kleinen Zimmern im Keller des Anochin-Institutes für normale Physiologie, in der ehemaligen Medizinischen Fakultät der Moskauer Universität, in einem kleinen zweistöckigen Gebäude, etwa 10 Meter vom roten Ziegelsteingebäude des IRE entfernt. Vermutlich hat Bulgakow dieses Gebäude gemeint, als er die Nachtschichten des Professors Persikow beschrieb, wenn dieser mit tiefrot entzündeten Augen den geheimnisvollen roten Strahl des Lebens beobachtete?

 

Der Computer Nord-100 der Firma Norsk Data
Die ersten Jahre waren die besten Jahre des Laboratoriums. Rund um Godik bildete sich ein einzigartiges, interdisziplinäres Kollektiv: eine Gruppe beschäftigte sich mit der infraroten Ausstrahlung des Körpers, die andere mit der optischen, die dritte mit Mikrowellen, die vierte mit magnetischen Feldern von Gehirns und Herz und die fünfte mit dem elektrostatischen Potential der Haut. All diese "Gruppen" bestanden aus einem, maximal zwei Wissenschaftlern, diese junge Leute avancierten später zu Laborleitern, spezialisiert auf die selbe Thematik. Meine Aufgabe war zunächst, die Daten aller Gruppen zu sammeln, in den Computer zu übertragen und zu verarbeiten, erst später begann ich selbst zu experimentieren.

In jener Zeit großzügigster Deviseninjektion, die dank der kranken Führung des Landes in unseren Keller geflossen war, hatten wir die Möglichkeit, eine einzigartige Ausrüstung zu erwerben. Unserer Computer war einer der berühmten Rechner der norwegischen Firma Norsk Data, der, wie in der Erzählung beschrieben, summte und ein rotes Gehäuse hatte. Die beschriebenen Schaben, eine Kreuzung mit ihren aus dem Amazonas stammenden Artgenossen, waren auch keine Erfindung, sie rannten im Keller herum und brachten ab und zu den Computer zum Absturz. Einmal war eines dieser Monster ins Gehäuse einer Festplatte gekrochen und wurde vom Lesekopf flächig über die magnetische Festplatte verschmiert... A propos magnetische Disketten: Erlauben sie mir einen kurzen Abstecher zu machen...11

Ah, die schönen alten Zeiten, die grossen Festplatten von Control Data, je 5 Megabyte... Hätte ich bloß gewusst, dass ich mich viele Jahre später im sonnigen Kalifornien mit ultradichten, ultraschnellen Speichern beschäftigen würde und mich mit einem Prototypen von IBM, 40 Gigabyte Kapazität und 500 Gramm Gewicht in der Hand an rumpelnde, mit blinkenden Lampen bestückte, von wildgewordenen Schaben unbrauchbar gemachte 10 Megabyte-Schränke erinnere... Hätte ich bloß gewusst, dass ich einige Bücher über die Prinzipien genau dieser magnetischer Aufzeichnung schreiben würde... Ironie des Schicksals...

Doch kehren wir zurück ins Labor: die Prototypen der neuen Apparatur wurden recht schnell fertiggestellt. Selbstverständlich probierten wir diese am eigenen Leib aus, ich saß ziemlich lange unter dem Objektiv der Infrarotkamera, habe die Luft angehalten und versuchte die Reaktionen der eigenen Arterien zu beobachten. Bis heute erinnere ich mich mit Vergnügen an diese Zeit. Was auch immer wir angefasst hatten, überall fanden wir neue und merkwürdige Effekte. Es hat sich herausgestellt, dass die Temperatur der beiden Hände synchron schwingt, dass im Gehirn von Tieren thermischen Wellen laufen, dass rund um den Menschen ein elektrisches Potential existiert, das von Atmung und Herzschlag moduliert wird... Und noch mehr: beim aufmerksamer Beobachtung des menschlichen Körpers waren merkwürdige Reaktionen von bestimmten Hautzonen, die mit inneren Organen verbunden waren (Dermatome) zu sehen...

Bei all den schönen Forschungsergebnissen durften wir aber nicht vergessen, dass die Partei auf den Bericht wartete. Im Politbüro lagen die Nerven blank, von der Direktion wurden wir dringendst aufgefordert, die Experimente endlich zu starten. Daher wurde Dzhuna sofort zu uns gebracht, kaum dass die Prototypen der Apparatur fertiggestellt waren. Ich denke, in meiner Erzählung habe ich den allgemeinen Eindruck von Dzhunas Visiten richtig beschrieben. Abgesehen davon, dass die Mafia natürlich nicht hinter ihr her war. Es schwirrten dennoch immer merkwürdige Leute um sie herum, unendlich viele Anrufe erreichten das Institut, Vereinbarungen wurden getroffen. Selbstverständlich hat Dzhuna nie - wie könnte sie es auch - die wissenschaftliche Forschungsmethoden verstanden, oft ärgerte sie sich, weil die Resultate ihr nicht gezeigt wurden (es gab im allgemeinen auch nichts zu zeigen...). Ab und zu hat sich Dzhuna uns gegenüber skandalös benommen, forderte, dass alle Geräte einzuschalten wären und wir Leine ziehen sollen - sie wäre selbst in der Lage, alles zu messen. Den damaligen Zeitgepflogenheiten entsprechend, wurde Dzhuna unter höchster Geheimhaltung ins IRE als wissenschaftliche Leiterin aufgenommen (die Genossen aus dem Politbüro hätten Dzhuna am liebsten als Professorin eingestellt, aber der entzürnte Kotelnikow bestand auf niedrigerer Einstufung).

 

1984, sitzend Alexander Taratorin, Dzhuna Davitashvili, links Alexander Petrov (senior research fellow), rechts Lew Efimovitsch Kolodnii, Journalist

Ich denke, dass Dzhuna an ihre eigenen Fähigkeiten aufrichtig glaubte, und deshalb bereit war, jeden zu heilen. Einmal hatte ich Halsschmerzen und Dzhuna bat mir eine Heilsitzung an. Ich war einverstanden, weil ich neugierig war, was passieren würde. Ich hatte überhaupt nichts gespürt, aber ein paar Tage später begann bei mir eine sehr schwere Angina (siehe Foto: 1984, sitzend Alexander Taratorin, Dzhuna Davitashvili, links Alexander Petrov (senior research fellow), rechts Lew Efimovitsch Kolodnij, Journalist) ...

Wir hatten zunächst gehofft, "Effekte" registrieren zu können, indem wir verschiedene Detektoren auf die Hände von Dzhuna und auf den Körper der Patienten richteten. Zu unseren Bedauern haben die Messgeräte keine physikalische Anomalien registriert. Dafür hatten wir etwas anderes bemerkt. Kurz nachdem Dzhuna unter viel Gemurmel über kosmische Energie und göttliche Gabe mit den Händen wedelte, fand bei den Patienten häufig eine Umverteilung des Blutes in der Haut statt, ab und zu war der Effekt sehr genau lokalisierbar. Diese zufällige Beobachtung wurde zur Grundlage von mehreren Arbeitszyklen über die Sensibilität der Rezeptoren der Haut gegenüber thermischen Strömungen. Das führte zu der Hypothese, die die Einwirkung von paranormalen Medien auf den Menschen erklärt: Die Haut des Menschen ist für sehr kleine thermische Strömungen extrem sensitiv; das aus der Hand von Dzhuna kommende Signal ist um ein vielfaches grösser als die Empfindlichkeitsschwelle der Haut. Daher sind die Handbewegungen des Mediums am ehesten mit einer kontaktlosen Massage vergleichbar. Ausserdem sind bestimmte Bereiche der Haut über das Rückenmark mit inneren Organen verbunden. Wenn sich die Durchblutung in solchen Hautzonen erhöht, entsteht ein Nervenreiz und dadurch eine erhöhte Durchblutung des Organs, die Immun-Prozesse werden gestärkt und in bestimmten Fällen kann dass zu positiven Heilungseffekten führen. Uns war es sogar gelungen, die Reaktionen der inneren Organe (Niere, Leber) während der Einwirkung von Medien zu messen. Zusätzlich haben wir festgestellt, dass die Reaktion der Haut ausschliesslich thermischen Charakter hat; sie bleibt bestehen, wenn man die Haut mit infrarotdurchlässigen Materialen abschirmt, sie verschwindet aber, sobald die infraroten Strahlen ausgefiltert werden. Dieser mit vielen Bildern und Diagrammen illustrierter Effekt wurde auch im Geheimbericht beschrieben, dessen Mitverfasser ich war. Der Bericht wurde "nach oben" weitergereicht, die Direktion atmete erleichtert auf.

Nun musste nur noch das Geheimnis um Nelli Sergejewna Kulagina gelüftet werden. Nach langwierigen Verhandlungen gelang es uns, sie für Experimente einzuladen. Jeder Versuch, Objekte zu bewegen, war für sie eine mühevolle Angelegenheit, ihr Blutdruck stieg rasch an, das Gesicht wurde rot und nach jedem Experiment musste sie sich lange erholen. Als Resultat wochenlanger Arbeit konnten wir herausfinden, dass ihre Handflächen winzige Tropfen von Histamin12 ausspritzen, möglicherweise über die Schweissdrüsen. Diese Tropfen bilden ein elektrisch geladenes Aerosol, das alle beobachtete Effekte verursachen konnte. Die winzigen Tropfen lösten zunächst ein Knistern im Mikrofon aus, dadurch konnten wir dem Effekt auf die Spur kommen. Das Aerosol verändert die dielektrische Konstante13 der Umgebung, zerstreut Laserstrahlen, ätzt die Haut (die berühmten "Brandwunden"), letztendlich landen sie auf dem Objekt und laden es elektrisch auf. Alle physikalische Annahmen über Ladung und Konzentration entsprachen den beobachteten Effekten. Den körpereigenen Mechanismus der Produktion von Histaminfontänen haben wir am Ende leider nicht verstanden, das war wirklich ein physiologisches Phänomen. Zum grossen Bedauern aller starb Kulagina bald und nahm ihr Geheimnis mit ins Grab - alle diese Demonstrationen kosteten ihr viel zu viel Kraft.

1984, sitzend Alexander Taratorin, Dzhuna Davitashvili und Alexander Petrov (senior research fellow)

Bald war "von oben" die Anordnung gekommen, die Arbeiten mit Dzhuna zu reaktivieren, was aber niemand in der Abteilung machen wollte. Die Vorbereitung auf diese eigentlich sinnlosen Experimente nahm viel Zeit in Anspruch und die Ergebnisse brachten praktisch nichts Neues. Damals hatte ich den Eindruck, dass der "wissenschaftliche" Bericht die Auftraggeber ziemlich enttäuschte: kein Wunder war geschehen, der Zauberer scheint kein Zauberer zu sein; betrogen haben uns die Schweine - wir geben ihnen Devisen, Planposten und dafür messen sie irgendetwas zusammen und führen die eigenen Chefs bloss an die Nase herum (siehe Foto: 1984, sitzend Alexander Taratorin, Dzhuna Davitashvili und Alexander Petrov (senior research fellow))...

Ein neues Problem kam auf uns zu: Die Gerüchte über das Laboratorium verbreitete sich zu den höchsten Stellen, inklusive Akademie der Wissenschaften. In der Folge kam fast jeder interessierte Genosse in den Keller auf Besuch. Selbst der Vorsitzende des Gosplans, Genosse Bajbakow kam zu uns, der Präsident der Akademie von Wissenschaften, Anatolij Petrovitsch Alexandrow, und der nächste Präsident Gurij Iwanowitsch Martschuk. Auch die politischen Berater des Generalsekretärs (ich erinnere mich nicht mehr von wem, zeitlich könnten sie von Breschnew oder von Andropow gewesen sein) und eine Gruppe von Genossen aus dem Zentralkomitee, haufenweise Gebiet-Sekretäre der Partei, Abteilungsleiter des Mossowjet, KGB, aller möglichen Akademiemitglieder und Direktoren von verschiedenen Instituten, Kosmonauten und Künstler. Allen haben wir bunte Bilder von Dzhuna am Computerbildschirm gezeigt, wie sie ihre Hände über den Patienten führt und wie dessen Rücken dabei immer roter wurde... Und Bilder ihrer Hände zeigten wir, davor und danach. Was den Alkohol betrifft, habe ich in meiner Geschichte natürlich übertrieben, nein, die Reaktion ist zwar sehr gut sichtbar, die Arterien vergrössern sich natürlich, aber Cognac von Wodka oder von Portwein zu unterscheiden haben wir nie versucht.

Soweit ich mich erinnere, wurde es praktisch unmöglich, in Ruhe zu arbeiten. Ich war vorwiegend mit den vielen Besuchern und Demonstrationen beschäftigt, ich habe sogar ein kleines Programm geschrieben, das die farbige Bilder in der richtigen Reihenfolge am Bildschirm präsentierte. Einmal habe ich die Statistik der Nutzung einer der Dateien angeschaut, und habe festgestellt, dass sie in den letzten Monaten 1130 Mal gezeigt wurde... Und dann war auch noch die Presse auf uns losgegangen. "Wechernaja Moskwa", "Ogonjok", "Nauka i Zhisn", die "Wremja"14 , Fernsehen; was da an Unsinn über uns geschrieben wurde... Nein, einige Publikationen waren ganz in Ordnung, aber die anderen... Lesen sie es selbst: "Es ist höchste Zeit, die Hornhaut zu untersuchen - sagte der Leiter des Laboratoriums". Aber bei Lew Efimowitsch Kolodnij, dem bekannten Moskauer Journalisten, muss ich mich entschuldigen, er hat über dieses Teufelswerk recht ordentlich geschrieben.

Die von uns entdeckten Effekte forderten ernste und akkurate Forschung, gemeinsam mit Physiologen. Godik versuchte, die Zusammenarbeit mit verschiedenen Instituten in die Wege zu leiten, es ergab sich schliesslich auch, aber nur sehr zögerlich. Dann ist Breschnew gestorben, und die "Oberen" wurden für eine Weile still - der ehemalige KGB-Vorsitzende, Andropow, hatte begonnen Ordnung zu schaffen. Dzhuna tauchte im Keller hin und wieder auf, aber meistens erzählte sie nur über ihre Lieder, Gemälde und Gedichte. Es schien, als würde es endlich gelingen, uns in Ruhe der Forschung widmen zu können.

Ungefähr zur dieser Zeit begannen sich die Militärs für unsere Forschung zu interessieren. Diese Geschichte ist mit zwar nur in Anekdoten in Erinnerung geblieben, sie könnte aber in Wahrheit so abgelaufen sein, wie ich es in meiner Erzählung beschrieben hatte.

Langer Rede, kurzer Sinn - es gab seinerzeit im Stanford Research Institute in Kalifornien die Herren Mr. Russell Targ und Mr. Edwin C. May. Über sie wird meine Geschichte erzählen. (Ich hoffe, die Namen habe ich richtig hingekriegt. Aber ja doch, es lebe die grosse Kraft des Internets.) Hier eine Liste seiner Bücher aus der Bibliothek des US-Kongresses (gerade habe ich es auf meinen Computer geladen). Das letzte Büchlein ist äusserst lehrreich:


Mind at large/Institute of Electrical and Electronic Engineers symposia on the nature of extrasensory perception; edited by Charles T. Tart, Harold E. Puthoff, Russell Targ.

Targ, Russell. Title: Mind-reach: scientists look at psychic ability/by Russell Targ and Harold E. Puthoff; introd. by Margaret Mead; foreword by Richard Bach. Published: London Cape, 1977. LC Call No.: BF1029 .T37 1977b

Author: Targ, Russell. Title: The mind race: understanding and using psychic abilities/Russell Targ & Keith Harary; foreword by Willis Harman; epilogue by Larissa Vilenskaya. Published: New York: Villard Books, 1984. LC Call No.: BF1031 .T285 1984

Diese ehrenwerten Wissenschaftler widmeten sich einigen zweifelhaften Experimenten zum Thema Telepathie (Gedankenübertragung aus einem U-Boot in ein anderes). Später studierten sie die Wirkung irgendwelcher Felder auf Menschen. Die Militärs unterstützten sie finanziell, ohne so was geht halt nichts. Und dann ist etwas passiert - so ganz habe ich nicht verstanden was, aber das Interesse der Militärs an der Parapsychologie war offensichtlich erschlafft. Und was tut man in solchem Fall, zwecks Überlebens in der kalten, grausamen Welt der kapitalistischen Wissenschaft? Genau, werter Leser, einen Feind schaffen muss man, die rote Bedrohung heraufbeschwören. Die Roten führen umfangreiche Forschungen durch und wir, geschätzte Herren Generäle, werden furchtbar, furchtbar zurückbleiben, wenn ...

So kam es zu einen wissenschaftlichen Besuch der Kollegen nach Russland. Sie haben Gerüchte über die Forschungen von Guljaew gehört (scheinbar noch über die Experimente mit Kulagina in Leningrad). Sie kamen in unser Institut; unsere Abteilung Nr.115 hatte sich stur gestellt und ein Mordstheater gemacht. Ich kenne keine Einzelheiten, aber in unser Laboratorium wurden die Gäste natürlich nicht gelassen. Guljaew und Godik haben den Gästen etwas über die "Komplexität der physikalischen Felder, die um jedes biologisches Objekt existieren" erzählt, und damit die Diskussion auf eine rein wissenschaftliche Basis gelenkt, ausserdem haben sie einige nicht geheime Publikationen gezeigt, die für die "Berichte der Akademie von Wissenschaft der UdSSR" vorbereitet wurden. Die Kollegen haben sich umgeschaut, einige obskure Medien besucht, die angeblich durch Willenskraft Bügeleisen an ihre Bäuche heranziehen können, danach sind sie nach Kalifornien zurückgekehrt und haben ihr Büchlein geschrieben (das war 1984). Sie haben ihre Reise ehrlich beschrieben, und gaben dabei zu verstehen, dass in Russland viele geheime und geschlossene Laboratorien existieren, die ... Mit anderen Worten, die Russen haben schon längst alles. Ich bin mir sicher, dass sie auf dieser Weise nur Kohle zu machen versuchten, jedenfalls ein paar Jahre später sind Gerüchte hochgekommen, dass das Verteidigungsministerium der USA Forschungen auf dem Gebiet der Parapsychologie forciert, und dass ein spezielles Institut gegründet wurde, um in der Forschung gleichzuziehen.

Übrigens, dank der nächsten Ironie des Schicksals, fand ich, kaum in Amerika angekommen, eine Wohnung nur 5 Minuten vom SRI (Stanford Research Institute, Menlo Park, CA) entfernt. Mit Untersuchungen von Festplatten beschäftigt und mich nach der grossen Wissenschaft sehnend, setzte ich mich mit Godik in Verbindung, der zu dieser Zeit auch bereits in den Staaten war, unangenehmerweise an der Ostküste. Er hatte noch eine Visitenkarte von Targ und gab mir die Telefonnummer. So oft ich diese Nummer wählte, hörte ich nur die nette weibliche Stimme des Anrufbeantworters. Die Stimme teilte mir mit, dass ich mit dem Laboratorium verbunden bin (Gott steh mir bei, wie hiess nur dieses Laboratorium - Laboratorium für neuromagnetische Forschungen, oder so was). Ich berichtete gewissenhaft, dass ich in Moskau mit Godik und Guljaew zusammen gearbeitet hatte, und jetzt hier bin, würde mich gerne mit ihm treffen und habe einige Artikel und neues wissenschaftliches Material mitgebracht. Ich habe keine Antwort bekommen. Ich habe ihm sogar einige Briefe geschrieben - natürlich, auch die blieben unbeantwortet. Da ich offenbar keine Arbeit suchte und das auch so sagte, bin ich fast sicher, dass dieses Laboratorium noch immer für fremde Blicke verborgen ist.

Und jetzt etwas über unsere sowjet-russischen Genossen mit den Sternchen auf den Schulterklappen. Die Militärs sind in der ganzen Welt gleich (das war nicht als Beleidigung gemeint!). Oh je, dieser Satz erinnert mich an etwas. Ich glaube, hier komme ich nicht an einem weiteren Abstecher vorbei.

Dieser Abstecher ist eigentlich eine kleine poetische Abschweifung: im selben Jahr, 1984, besuchte uns David, ein Ingenieur aus England, um eine Abschirmungskammer zu montieren, die für die nächsten Experimente gekauft wurde. Diese Kammer sollte die Experimente von den umgebenden Mikrowellen abschirmen, die Montage war kompliziert, so hat seine Firma ihn zu uns geschickt. David blieb mir dank einiger seiner Leistungen in Erinnerung. Erstens war er ein Alkoholiker im fortgeschrittenen Stadium, diesen Zustand erklärte er mit den unerträglichen Leiden, die ihm Anfälle des tropischen Fiebers verursachen. Mit dem Fieber hat er sich angeblich irgendwo in der Dritten Welt angesteckt, wohin er für die Montage der Abschirmungskammern geschickt wurde. Zweitens, er hat gleich am zweiten Tag ein Fräulein in der Bar aufgerissen und war unendlich vom kulturellen Niveau der russischen Mädchen begeistert (in diesen Zeiten konnte nicht jede beliebige junge Frau in eine Devisen-Bar): seine Auserwählte sprach vier Sprachen fliessend. Sobald wir es hörten, bissen wir uns in die Zungen und erzählten ihm keine politische Witze mehr. Drittens, und das ist der eigentlicher Grund dieses Ausfluges, man musste einige elektrische Leitungen im Inneren der Kammer verlegen. Für diese Arbeit wurde der Institutselektriker Gena gerufen, der später auch in meiner Erzählung auftauchte (als Gena, der neben dem "National" den Bourgeois am Ärmel festhält). Dieser Gena war eine einzigartige Persönlichkeit, er hatte einige Semester am Fistech absolviert, war aber gezwungen, das Studium wegen der schweren Krankheit seiner ans Bett gefesselten Mutter abzubrechen. Nun, Gena - sternhagelvoll und schimpfend - verlegte das schwarze Kabel in der Kammer, während der nicht weniger besoffene David ihm mit Entzücken zusah, uns dabei an den Händen nahm und immer wieder sagte: "Believe me, all electricians all over the world are absolutely the same!" (Glaubt mir, alle Elektriker der ganzen Welt sind gleich)...

Ja, so ungefähr ähneln einander die Militärs der ganzen Welt, genau wie die Elektriker. Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, was in Moskau geschah. Unerwartet und immer öfter sind uniformierte Leute, mit Generals- und Admirals-Sternen, zu uns ins Keller gekommen. Die Verhandlungen mit ihnen wurden gewöhnlich hinter geschlossenen Türen geführt, die einfachen Mitarbeiter konnten nur ahnen, was genau besprochen wurde. Den durchgesickerten Gerüchten zur Folge konnte ich vermuten, dass unter der Obhut des Generalstabs ein ausserordentlich grosses Programm der paranormalen Forschung begonnen hatte.

Es geschah soviel damals, dass in meinen Kopf mit den Jahren alles vermischt wurde. Zum Beispiel, die Geschichte mit dem Funkortungsgerät. Nein, das habe ich nicht erfunden, einzig und allein die Sache mit der Verjüngung ist pure Phantasie. Haben Sie etwa gedacht, ich hätte erfunden, dass jungen Soldaten vor Parabolspiegeln stehen mussten, um bestrahlt zu werden? Haben Sie gedacht, dass das Vortragsthema "Einfluss elektromagnetischer Strahlung auf die Psyche der Armee des Gegners" einem Hirnriss entsprungen ist? Nein, werter Leser, genau so war es! Bis heute erinnere ich mich daran: Ein Oberstleutnant oder Oberst war angereist und wartete mit eindrucksvollen Diagrammen auf. Fische habe er bestrahlt, Katzen und Hunde. Später habe er auch Soldaten bestrahlt. Diese Soldaten wurden müde und schliefen ein. Er wollte die Armee des Gegners bestrahlen, allerdings hat er das nicht geschafft... Oder noch etwas - die Geschichte mit dem Schildkrötenpanzer: Auch eine wahre Geschichte. Es platzte ein Kerl herein und behauptete, dass so ein Panzer ultraviolette Energie kumuliere und die gesammelte Energie wieder abstrahlen könne. Alkoholismus werde damit im Nu geheilt, die Potenz steige unermesslich an, Tumore würden auf der Stelle verschwinden! An seiner Seite ein Professor aus Kiew, seines Zeichens theoretischer Physiker. Der begründete alles höchst wissenschaftlich, zeichnete Diagramme von Myonen und Gluonen und erläuterte, warum und wo die Elementarteilchen im Panzer gespeichert werden.

Diese Story zum Beispiel, wurde nicht im Buch beschrieben: Einfach so zum Spass zeigten wir, wie die Atmung durch die Nasenlöcher über eine infrarote Kamera aussieht. Darauf hatten die Genossen aus dem KGB eine Eingebung: Wir sollten, so sagten sie, das Gesicht des Generalsekretärs aus der Distanz beobachten - sollte dem teuren Vorsitzenden schlecht werden, so würde die Frequenz der Atmung unregelmässig, und wir würden sofort da sein und die Reanimations-Brigade auch, und die Fernsehübertragung können wir dann auch unterbrechen und unangenehme Erklärungen an die Medien könnten so vermieden werden. Apropos: ich glaube, für Breschnew hatte man tatsächlich so eine Apparatur für den Kongresspalast des Kreml einzukaufen wollen, das Vorhaben scheiterte jedoch, der Ärmste verstarb in der Zwischenzeit.

Aber die Militärs waren von diesen kleinen Geschichten wie verzaubert. Man könnte heulen vor Entzücken, sie umarmen, herzen und küssen. Meine liebsten, meine gütigen... Kurz und gut, die Militärs entschieden: die feindlichen Imperialisten haben das alles bereits, und wir, die einzige Hoffnung der progressiven Menschheit, bleiben zurück! Von da an erwachte das Institut zu hektischer Betriebsamkeit. Am Anfang natürlich Hand in Hand mit den Wissenschaftlern, ganz nach dem Motto: was habt ihr da alles entdeckt, Leute? Erst später haben sie ein komplexes und riesiges Geheimprogramm erstellt, das die Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft sprengt.

Wenn ich mich recht erinnere, haben Godik und Guljaew versucht, sich vom Generalstab möglichst fern zu halten. Sie konsultierten, sie zeigten und erklärten all das, was im Laboratorium gemacht wurde. In den höchsten Stellen brach inzwischen ein Kampf aus: das akademische Laboratorium sollte in Ruhe arbeiten, ohne Geheimhaltung einzuführen, es sei dem Militär sowieso keine Konkurrenz, weil dort keine geheime Forschungen betrieben würden und auch hinkünftig nicht werden, anderseits könnte es auch für das Militär nützlich sein, wegen Informationsaustausch, wissenschaftlichen Kontakten usw. ...

Direkt wurde ich mit uniformierten Genossen nur einmal konfrontiert. Ich wurde zu einer Hypnose-Sitzung gerufen. Die Leitung oblag einem Admiral der Marine, noch einige Oberste und Hauptmänner in Uniformen schwirrten herum. Ein Hypnotiseur konzentrierte sich auf Befehle, die ein Proband zu empfangen und auszuführen hatte. Die Militärs notierten fleißig. Aus unerklärlichen Gründen waren die Militärs sehr an magnetischen Feldern interessiert, sie wollten einfach nicht glauben, dass die von uns gemessenen Felder millionenfach schwächer sind als das Erdmagnetfeld. Ganz dunkel erinnere ich mich daran, dass die hypothetische Länge dieser ultralangen Wellen etwa zehn Kilometer war. Die Genossen mit den Schulterklappen notierten die Liste der empfohlenen Apparaturen für die Messung der magnetischen Felder (supraleitendes Quanteninterferometer, Gradientenspulen, Datenverarbeitungssysteme), haben sich sehr für die Konstruktion einer Kammer interessiert, die solche Felder abschirmen kann und sind danach sehr schnell wieder verschwunden. Sie haben die Fernweitergabe von Befehlen mittels Gedankenübertragung sehr ernst genommen.

Was jetzt folgt, ist auch eine wahre Geschichte. Bald hatte man versucht, einen unserer Mitarbeiter, einen jungen Mann, zur Arbeit in einem streng geheimen Postfach16 zu verpflichten. Wie sich später herausstellte, war das Postfach nur eines von vielen ähnlichen Instituten mit tausenden Mitarbeitern. (Derartige Dimensionen waren für Russland zwar charakteristisch, aber man wird sich doch noch wundern dürfen! Es muss mit den unendlichen Weiten unsers Vaterlandes etwas zu tun haben). Eines Abends hatten wir einiges getrunken, und der Bursch erzählte mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass in diesem Postfach ein richtiger Gedankenverstärker gebaut wurde (siehe Erzählungstext). Das Ziel war: ein Offizier sendet die Gedanken und ein zweiter Offizier, am anderen Ende Moskaus, schreibt diese Gedanken nieder. Wie schön wäre es denn, der feindlichen Armee die Gedanken des Parteisekretärs einzuschleusen... Oder noch besser - gleich die Tätigkeit eines Staatsmannes eines feindlichen Landes beeinflussen oder die Ergebnisse der Präsidentenwahlen vorher zu wissen. Mit einem Wort, Möglichkeiten ohne Ende.

Ins Postfach wurde er übrigens nicht aufgenommen, er ist bei der Sicherheitsprüfung durchgefallen, anscheinend hat er zu viel geplaudert...

Zur selben Zeit wurden in einem anderen Postfach riesige unterirdische Kammern gebaut, um alle störende Felder abzuschirmen. Hier habe ich auch nichts erfunden, diese wurden tatsächlich aus Panzerteilen gebaut und genietet, so konnten sie natürlich keine Felder abschirmen. Ich habe das alles nur deswegen mitbekommen, weil damals in Moskau nur einen einzigen Spezialisten gab, der sich mit solchen Kammern auskennt, und nachdem die Uniformierten mit ihren Experimenten scheiterten, mussten sie ihn zur Hilfe holen. Um diese Kammern zu bauen, wurden - nach russischer Tradition - Hunderte Soldaten aus dem Strojbat17 herangezogen... Das Resultat kennen wir bereits.

Den Gerüchten nach musste das militärische parapsychologische Programm außerordentlich große Maßstäbe angenommen haben. Es wäre wirklich interessant zu wissen, ob und welche Ergebnisse verbucht werden konnten. Irgendwie habe ich später nichts mehr darüber gehört und das ist komisch, weil heutzutage über alles geplaudert wird. Scheinbar haben sie nichts erreicht, was mich allerdings nicht näher verwundert.

Hier nähert sich meine Geschichte ihrem Ende. Bevor ich es vergesse, möchte ich noch etwas über den heutigen Zustand des Labors berichten. Es wurde umgesiedelt, die Überbleibsel davon sind noch immer unter der Adresse Starosadskij Pereulok No.8 zu finden. Entdeckt wurden von uns verschiedene physikalische und biologische Effekte ungewöhnlicher Schönheit, einige Phänomene wurden im Journal "Biofisika" und in den "Berichten der Akademie von Wissenschaft der UdSSR" publiziert, doch leider sind fast alle Resultate den historischen Umwälzungen zum Opfer gefallen. Godik hat krampfhaft versucht, die ausgearbeiteten Methoden in der Medizin einzuführen, eine Zeit lang belegte eine solche Abteilung ein ganzes Stockwerk in der Poliklinik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Bald aber gab es einen Aufstand der Ärzte, verständlicherweise wurden die Wissenschaftler sofort hinausgeworfen - denn der Nutzen der Forschung war gleich Null, während es den Ärzten sogar an Einwegspritzen mangelte.

Die Abteilung, obwohl mittlerweile mit Mitarbeitern und Titeln überhäuft, begann dennoch langsam zu zerfallen. Die Wissenschaft als solches fand ein Ende, es entstanden komplexe Programme wie beispielsweise "Die Gesundheit der Bevölkerung des Großraums Moskau". Und Alkoholiker... Apropos, die Geschichte über die allgemeinanästhetische Gesundheitsfürsorgestelle in der Steppe ist absolut real, genau so war es. Dann begann eine "fröhliche" Periode, wo vom Gehalt zu leben schlicht unmöglich war, die Leute wollten und mussten etwas dazu verdienen. Erst verschwanden die Computer auf unerklärliche Weise, später splitterten sich die Leute in Gruppierungen auf und dann zerstritten sich alle heillos. Das Laboratorium zerfiel in einige kleine Firmen, man begann kleine Geräte zu basteln und sie zu verkaufen - um irgendwie zu überleben. Zu diesem Zeitpunkt war ich glücklicherweise schon abgereist.

Der größte Teil der ehemaligen Mitarbeiter des Laboratoriums lebt jetzt in der USA, mehrheitlich in Kalifornien, in Silicon Valley. Sie arbeiten bei verschiedenen Firmen, programmieren, konstruieren, alle haben die Forschungen der Vergangenheit hinter sich gelassen (so sind halt die brutalen Gesetze des Kapitalismus). Es ist interessant, wie wir alle plötzlich wieder zusammengefunden haben. Der Chef der ehemaligen „magnetischen Gruppe“ hat allerdings unlängst seine Firma verlassen, er ist in das als bekannt vorauszusetzende Laboratorium in New-Mexico berufen worden, um dort seine biomagnetische Forschung weiter zu betreiben. Könnte sogar sein, dass er dort erfolgreich wird. Ein anderer aus unserer Gruppe ist jetzt in der Universität von New York, er widmet sich der Erforschung der Supraleitung. Ein weiterer sitzt zur Zeit irgendwo in England, beschäftigte sich eine Weile hartnäckig mit Wissenschaft, wurde aber von den Umständen letztendlich gezwungen, sich der geodätischen Analyse von Erdölbohrungen zu widmen. Godik ist auch in Amerika, er forscht an optischen Methoden der Frühdiagnostik von Brustkrebs. Er versucht es seit Jahren, unlängst begann sich die Sache etwas vorwärts zu bewegen. Einer der "Begründer", der damals in der Erforschung der elektrischen Eigenschaften der Haut Pionierarbeit geleistet hatte, musste die Wissenschaft verlassen, er wurde ein „Neuer Russe“, hatte mehrere Großbetriebe und - den Gerüchten nach - ging letztendlich Pleite. Wie nennt man sie jetzt, „Superneue Russen“ oder wie? Seit langem habe ich von ihm nichts gehört. Die Frau eines anderen Laborgründers - er war ein Aspirant von Godik (sehr ähnlich dem Sasha aus der Erzählung) - wurde im Treppenhaus überfallen, ihr wurde der Schädel eingeschlagen und die Pelzmütze geraubt. Sie hatte daher Angst, alleine das Haus zu verlassen, konnte sich kaum mehr bewegen und eines Nachts wurde sie von einem Auto überfahren. Man sagt, ihr Mann suchte fortan sein Heil im Alkohol.

Ein Freund von mir reiste vor kurzem nach Moskau, besuchte auch das ehemalige Laboratorium in der Starosadskij-Gasse und kehrte völlig frustriert zurück. Im Gebäude befänden sich Büros von kleinen Firmen, alle sind mit Kauf und Verkauf beschäftigt, es gäbe nur wenig Mobiliar, einige Leute sitzen sogar am Fußboden und schreiben hockend, die Stimmung sei trübe. Die Situation im Institut sei jämmerlich und vom endgültigen Zerfall geprägt, zur Arbeit erscheinen die Leute nur einmal in der Woche, der Lohn beträgt (wenn überhaupt) 30 Dollar im Monat. Einer der besten Wissenschaftler wurde von einem Auto überfahren und starb noch an der Unfallstelle. Ein anderer verkauft Bananen, mit dem erwirtschafteten Geld besorgt er flüssiges Helium für Experimente. Das Institut wird aus dem Gebäude im Zentrum Moskaus ausgesiedelt; geplant ist, den Bau abzureißen. In der Zukunft sollte dort ein Garten mit Springbrunnen errichtet werden, für die gutsituierten, braungebrannten Gäste der "Inturist", die anreisen, um die Basilius-Kathedrale zu besichtigen. Wenn das wirklich geschieht, ist das wahrscheinlich das Ende des Instituts. Der Institutselektriker Gena wurde vor einigen Jahren von der Polizei ermordet. Er kam in der Nacht stockbesoffen zum Institut, machte Lärm an der Tür, der Nachtwächter ließ ihn nicht ein und rief die Polizei. Gena wurde festgenommen und war seitdem verschwunden. Erst seine schwerkranke Mutter schlug Alarm und ein paar Tage später wurde er am Friedhof der nicht identifizierten Toten wieder aufgefunden.

Aber was rede ich da nur über Trauriges? Lassen Sie mich über etwas erzählen, das ich mir selbst nicht erklären kann. Gesehen habe ich es nur ein paar Mal. Wir haben Experimente mit einem Patienten gemacht, dessen Bein keinen Blutdurchfluss mehr hatte, die Arterien waren völlig verstopft, das Bein reif für Amputation. Gefäßerweiternde Injektionen halfen nicht mehr. Jurij Sergejewitsch Charitonow wurde gerufen, das geschah im Jahre 1988 oder 1989. Charitonow war in Moskau bekannt, er selbst war ein Physiker, ich denke, auch er war aus dem Fistech. Er beendete gerade seine Doktordissertation und in seiner Freizeit heilte er Bekannte. Er bewegte seine Hand über das kranke Bein, das Display seines Thermo-Visors begann hell aufzuleuchten, die Durchblutung war augenblicklich wiederhergestellt, als ob die Arterien sich sofort geöffnet hätten. Allen verschlug es den Atem. Ich habe zu dieser Zeit bereits viele solche Experimente gesehen; wenn eine Reaktion da war, war sie üblicherweise schwach und langsam, der Effekt trat mit einer Verzögerung von 15-20 Minuten ein, aber hier wurde das Bein in einer Minute geheilt. Ein anderes unerklärtes Experiment hatte auch mit Charitonow zu tun. Er wollte versuchen, die Reaktion des Patienten aus einem anderen Raum auszulösen, ohne den Patienten darüber vorher zu informieren. Das war ein "blindes" Experiment, keiner von uns (geschweige der Patient) wusste, wann und was er machen würde. Der Beginn der Reaktion stimmte auf die Sekunde überein mit dem, was Charitonow schon zuvor gemacht hat.

Das Ganze erinnert mich an die Erzählung meines Freundes, desselben, der aus Moskau unlängst betrübt zurückgekehrt war. Sein Großvater war ein bekannter Professor der Psychologie, er hatte sich sehr viel mit Heilung unter Hypnose beschäftigt. In den zwanziger Jahren, am Kongress der Psychologen in Moskau, führte er ein Experiment vor: die Patienten wurden unter Hypnose gesetzt. Der Arzt entfernte sich und befahl dem Patienten in seinen Gedanken, aufzuwachen. Die Patienten wachten auf, die zeitliche Übereinstimmung war faszinierend. Seinem Großvater zufolge hätte derlei mehrfach beobachtet werden können, aber die Reaktion des Kongresses war "als ob jemand ein unstatthaftes Geräusch von sich gegeben hätte und es die Zuhörer gütigerweise nachsehen würden".

Oder noch eine Geschichte, sie wurde in der Erzählung auch erwähnt. In Kiew lag der Akademiker Gluschkow, der Gründer des Instituts für Kybernetik, im Sterben. Er war bereits im Koma und lag auf der Intensivstation. Die Ärzte wollten die Apparatur bereits abschalten. Eine alte Heilerin wurde gerufen. Sie saß eine Weile neben dem Kranken, wedelte einige Male mit den Händen - und er erlangte das Bewusstsein wieder, hat sogar gesprochen und noch zwei weiteren Tage gelebt. Sie können mir glauben, oder auch nicht.

Tief im Inneren glaube ich, dass die Wissenschaft irgendwann zu den Forschungen zurückkehren wird, die vor 15 Jahren in Moskau begonnen wurden. Wer weiß, vielleicht kann meine Erzählung etwas dazu beitragen. Ich hoffe auch sehr, dass die Sicherheitsorgane Russlands und Amerika mich deswegen nicht verfolgen werden, es sind doch so viele Jahre vergangen und das ganze Militärische hat sich ohnedies als Farce herausgestellt.

Zu guter Letzt möchte ich noch von mir erzählen. 1986 habe ich meine Dissertation in Physik geschrieben, danach zwei wissenschaftliche Bücher in Russland. Ich verließ Russland im Jahr 1990, dabei wurde mir die Staatsbürgerschaft aberkannt. Drei Jahre lang arbeitete ich am Lehrstuhl der biomedizinischen Technologie in Techion, Israel - dabei beschäftigte ich mich mit der Kartographie der Mechanik des Herzens, hielt Vorlesungen. Dann haben wir eine infrarote Kamera gekauft und sogar einige Experimente gemacht, aber plötzlich bin ich wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen und nach Amerika aufgebrochen, um dort zu arbeiten. Ich bin in einer irrsinnigen Firma gelandet, musste mich mit magnetischen Speicherungen beschäftigen: wie schafft man es, in einer Raumeinheit möglichst viele magnetische Zustandänderungen festzuhalten und das auch noch möglichst schnell (Es schüttelt mich, wenn ich diese Fachbegriffe höre). Ich habe Karriere gemacht, in Amerika erschienen einige Bücher von mir, ich konnte einige alte Freunde nach Amerika holen. Jetzt halte ich Vorlesungen an der Stanford University, als externer Professor. Ich habe angefangen, einige literarische und halbliterarische Werke zu verfassen. Momentan arbeite ich im Forschungszentrum von IBM, das vergleichbar ist mit der Akademie der Wissenschaften, nur viel schlimmer.


Alexander Taratorin
Santa-Clara, Kalifornien
November 1997



Footnotes:

1 Shakespeare, Hamlet, I, 5; in der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel

2 Marasmus Senilis - der körperliche und geistige Abbau im hohen Alter (Anm. Übersetzer)

3 IEEE - The Institute of Electrical and Electronics Engineers (Anm. Übersetzer)

4 Nordkoreanisches Staatsoberhaupt (*1912, +1994) (Anm. Übersetzer).

5 Gosplan - Das staatliche Plankomitee des Ministerrats der Sowjetunion. Es fungiert als zentrales Planungsorgan. (Anm. Übersetzer)

6 Das Samplingtheorem (von Shannon und Nyquist) besagt, dass die Abtastrate in einer digitalen Aufzeichnung mindestens doppelt so hoch sein muss als die höchste zu messende Schallfrequenz: sr > 2 * fmax (Anm. Übersetzer).

7 "Gostinitsa National" - Hotel "National" (Anm. Übersetzer)

8 IRE - Institut für Radiotechnik und Elektronik (Anm. Übersetzer)

9 Zur Information: jetzt ist er ordentliches Mitglied der Akademie und gleichzeitig der Direktor des Instituts.

10 Fistech - Fisiko-Technicheskij Institut (Physikalischsch-Technologische Hochschule in Moskau) eine sehr renommierte Hochschule für angewandte Physik. (Anm. Übersetzer)

11 Der Autor arbeitet zur Zeit im Entwicklungslaboratorium von IBM in Kalifornien und entwickelt neue, noch effizientere Methoden um Daten zu speichern - die Beantwortung der Frage: wie kann man noch mehr Daten noch schneller auf immer weniger Oberfläche speichern? (Anm. Übersetzer)

12 Histamin gehört zu einer Gruppe von Eiweisssubstanzen, die unter dem Begriff "biogene Amine" in der Fachliteratur bekannt sind. Bei diesen Substanzen handelt es sich um niedermolekulare Verbindungen, die im Tier und Pflanzenreich weit verbreitet sind. (Anm. Übersetzer)

13 Dielektrische Konstante - Das Verhältnis von der Stromflussdichte zum elektrischen Feld. (Anm. Übersetzer)

14 Wechernaja Moskwa (Abendliches Moskau) – eine Tageszeitung vergleichbar mit der "Bild-Zeitung". Ogonjok (Feuerchen) - eine Wochenzeitung, vergleichbar mit der "Bunte". Nauka i Zhisn (Wissenschaft und Leben) - ein populärwissenschaftliches Wochenmagazin, entspricht in etwa der deutschen Zeitschrift "P.M.". Wremja (Zeit) - die Hauptnachrichtensendung im sowjetischen Fernsehen, vergleichbar mit der "Tagesschau". (Anm. Übersetzer)

15 Jedes Amt, Organisation, Institut oder Fabrik in der Sowjetunion hatte damals zwangsweise eine Abteilung, gewöhnlich als Nr.1 bezeichnet, die für sicherheitsrelevanten Fragen zuständig war. Ihre Aufgabe war nachrichtendienstliches Abwehr, Sicherheits-Überprüfung des Personals, Tarnung und Schutz von geheimen Objekten und Projekten usw. Die Mitarbeiter dieser Abteilung waren dem KGB unterstellt. Selbstverständlich hatten diese Abteilungen auch ein Vetorecht in Personalfragen.

16 Postfächer nannte man in der Sowjetunion alle unter Geheimhaltung stehende Organisationen, wissenschaftliche Institute und Fabriken, die nach draussen keine Adresse und Namen hatten und nur durch eine Postfachnummer identifiziert waren. Erst die zweite Bedeutung des Wortes hat in der russischen Sprache etwas mit der Post zu tun. (Anm. Übersetzer)

17 Strojbat - Stroitelnij Batalion. In der russischer Armee gab es die sogenannten Baubataillone, welche jegliche Drecksarbeit erledigen mussten, was auch immer die Armeeführung ausgedacht hatte.





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